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Der Bückeburger Nachtwächter

Rinteln (jaj). Der Michaelistag, der in jedem Jahr am 29. September gefeiert wird, war in der Vergangenheit nicht nur ein kirchliches Fest, er hatte auch Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben. Wie diese Auswirkungen aussahen, konnten die Teilnehmer eines besonderen Spektakels in der vergangenen Woche erleben. Unter dem Titel „Licht oder Schatten“ nahmen sie an einer Zeitreise teil, die in jedem Jahr nur an zwei Terminen anlässlich des Michaelistages angeboten wird

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Michaelis markiert den Weg in die Dunkelheit, in die dunkle Jahreszeit“, erklärte Alma Bernadine Stallmann, verkörpert durch Karin Gerhardt, ihren Zuhörern. Sie lebte im 19. Jahrhundert und kann sich noch deutlich daran erinnern, welche Umstellungen der Tag mit sich brachte.

„Ab Michaelis durfte wieder bei Kerzenschein gearbeitet werden“, erzählt sie. Dadurch begann für den Nachtwächter, gespielt von Dietmar Ostermeier, an diesem Tag eine arbeitsreiche Zeit. „Um neun Uhr sollten alle Feuer gelöscht sein, die Stadttore wurden geschlossen“, sagt er. Um das zu kontrollieren, zog er abends durch die dunklen Straßen, was ihn unter den Rintelnern nicht gerade beliebt machte. „Es wusste ja niemand, was ich alles sehe und weiß.“

Auch für die Schüler und Lehrlinge war Michaelis ein besonderer Tag, wie Engel Hane, gespielt von Helge Heinke-Nülle, verdeutlichte. „An Michaelis wechselten die Gesellen und Lehrjungen, die Schüler bekamen ihre Zeugnisse. Außerdem wurde eine Stunde später angefangen zu arbeiten.“
 

Die Änderungen an Michaelis hatten demnach viel mit der Uhrzeit zu tun. Doch diese zu messen, war gerade im 14. Jahrhundert nicht so einfach. „Bevor die Räderuhren erfunden wurden, teilten die Menschen den Tag und die Nacht einfach in zwölf Stunden ein“, erzählte Engel. „Können Sie sich vorstellen, wie unterschiedlich lang eine Stunde demnach im Sommer und im Winter war?“ Dabei war es auch für das gesellschaftliche Leben wichtig, dass die Kirchturmuhren durch ihren Klang die richtige Zeit anzeigten. „Sie dienten der Bevölkerung als einzige Orientierung für Termine, Verabredungen und Gebete.“

Karoline Bödeker, verkörpert durch Angelika Bödeker, kennt jedoch noch eine andere Möglichkeit, die Zeit zu messen. Sie bedient sich dazu den Blumen am Wegesrand. „Eigentlich ist es ganz einfach“, versichert sie. „Die Ringelblumen öffnen ihre Blüten um neun Uhr, das Johanniskraut um acht Uhr“, erklärt sie. „Sollten Sie auf dem Feld ankommen, wenn diese Blüten sich öffnen, sind Sie definitiv zu spät.“ Die richtige Uhrzeit für den Arbeitsbeginn zeigen hingegen die Wegwarte und der Löwenzahn an. „Sie öffnen ihre Blüten um fünf Uhr morgens.“

Gerade das Wissen über Pflanzen und Kräuter wurde Bödeker jedoch Mitte des 17. Jahrhunderts zum Verhängnis. Sie wurde der Hexerei beschuldigt. „Ich weiß nicht, ob ihr euch vorstellen könnt, wie es war, in einer Stadt zu leben, in der es viele Hexenprozesse gab“, sagt sie. Oft habe nur eine Kleinigkeit ausgereicht, um auf dem Scheiterhaufen zu enden, was sie auch mit einem Beispiel belegte. „Eine Frau kippte ihr Wischwasser auf die Straße, ein vorbeigehender Mann bekam ein paar Spritzer davon auf seine Stiefel.“ Später konnte er nicht mehr auftreten und meldete den Vorfall dem Stadtrat, welche der Frau einen Schadenszauber vorwarf. „Innerhalb von nur drei Tagen stand die Arme auf dem Scheiterhaufen.“

Gerade die Zeit der Hexenverfolgung sei definitiv eine Schattenseite des Lebens gewesen. Und Beschuldigte sahen fast nie Licht am Ende des Tunnels. „Die Professoren an der juristischen Fakultät haben nicht ein einziges Mal eine Hexe freigesprochen“, empört sich Karoline.

Die Teilnehmer hingegen sahen nach ihrer Reise durch die dunklen Gassen der Vergangenheit zum Abschluss des Spektakels noch einmal viel Licht. Denn der Nachtwächter zeigte, dass er nicht nur ein guter Aufpasser, sondern auch Feuerspucker ist.

Nicht nur ein guter Aufpasser für die Rintelner, sondern auch ein begnadeter Feuerspucker: Nachtwächter Dietmar Ostermeier bringt Licht ins Dunkel. Und führt die Rintelner bei der Michaelis-Führung gemeinsam mit Karin Gerhardt (kleines Foto, v.l.) und Angelika Bödeker zurück ins Mittelalter.

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DEWEZET v. 3.10.2010 Fotos: jaj