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Der Bückeburger Nachtwächter

Bückeburg (mig). Butzemänner und Trunkenbolde aufgepasst: Seit letztem Donnerstag hat die ehemalige Residenzstadt wieder einen Nachtwächter. 15 Gäste ließen sich die besondere Premiere nicht entgehen und begleiteten den wehrhaften Gesellen samt Hellebarde und goldenem Universalschlüssel auf seiner ersten Tour.

Nachtwächter 






Gefällt nicht nur den Damen: Bückeburgs Nachtwächter Dietmar Ostermeier. Foto: mig

Es ist schon eine eindrucksvolle Gestalt, die da vor dem Schlosstor auf Teilnehmer wartet. Auf dem Kopf einen Dreispitz, an den Füßen Schnallenschuhe, dazu die lange Hellebarde, mit der der grimmige Geselle auch Diebe und Gesindel abwehren kann. Sein Name Dietmar Ostermeier. Seine Aufgabe: für Ruhe und Ordnung zu sorgen und die Bürger vor Dieben, Feuer und Feinden zu warnen. „Wir leben hier an der Grenze. Früher kamen hier die Butzemänner rüber und haben geplündert“, sagt er ernst. An diesem Donnerstag ist das „lichtscheue Gesindel“ sogar motorisiert: Als die Führung Schlag acht beginnt, nähert sich ein lautes Mofa – mitten in der Fußgängerzone. „Für solche Gesellen bin ich ausgerüstet“, sagt der Stadtführer und droht scherzhaft mit der Hellebarde.

Ansonsten aber muss der Nachtwächter an diesem Abend nicht mehr eingreifen. Stattdessen bleibt viel Zeit für kleine Anekdötchen, Tratsch und Klatsch. Denn der Nachtwächter kannte sie alle: die Großkopferten und die Kleinbürger, die Metzgermeister und Dichter. Da sind die Frauen, die am Jägergang auf die Soldaten warteten („während ihr Mann schlief“) und die gewitzten Stallburschen des Marsstalls, die sich bei den Bauern ein Handgeld verdienten („indem sie ihnen erlaubten, ihre Stuten hierher zu bringen“). Und so ging es dem Nachtwächter trotz seines niedrigen Gehalts und seines schlechten Leumunds (sein Beruf galt als unehrenhaft) ganz gut – sein Wissen wurde ihm am nächsten Tag in Naturalien abgegolten.

Neben Klatsch und Tratsch hat der Nachtwächter aber auch Einblicke in andere, sonst eher verborgen gehaltene Bereiche des Stadtlebens. In der Petersilienstraße erinnerte er an den schlechten Zustand der Wege („dass ich in Schnallenschuhen gehen kann, ist noch nicht lange so“) und an den mobilen Eimermann, dessen Dienstleistungen im eher anrüchigen Gewerbe zu suchen waren. „Bei ihm konnte man die Notdurft verrichten. Wenn man allerdings zu wenig bezahlt hatte, nahm er den schützenden Mantel etwas früher weg.“ Wenig erquicklich auch die Geschichte vom Brauen mit Schlossbach-Wasser. „Wenn man wusste, am nächsten Tag wird gebraut, wurde gesagt: Von Dage bitte nicht in den Schlossbach kacken.“

Fazit: eine mehr als lehrreiche Führung, die neben Informationen über Sehenswürdigkeiten auch einen Blick hinter die Kulissen wirft. „Ich möchte Bückeburg von der anderen Seite beleuchten und eine Führung aus der Sicht eines Nachtwächters machen, denn der Nachtwächter sieht vieles“, erklärt Ostermeier sein Konzept. Vorbereitet hat sich der Bückeburger übrigens, indem er andere Nachtwächter auf ihrer Tour begleitet hat. In Rinteln gab es den Nachtwächter noch bis in die 20er Jahre.

Wer den Bückeburger Nachtwächter einmal begleiten möchte, kann das jeden ersten Donnerstag im Monat tun. Kontakt: nachtwaechter-bueckeburg.de oder Touristinformationchtwaechter-bueckeburg.de.

Artikel vom 13.10.2010 - 00.00 Uhr